Schulbefreiung - so geht’s

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Schulbefreiung - so geht’s

Mit den Kindern um die Welt reisen, dabei von Strand zu Strand ziehen und den Kindern das Lernen unterwegs ermöglichen - diesem ersten Gedanken steht in Deutschland direkt die Schulpflicht entgegen. Seit 8 Jahren sind wir „unterwegs“ und egal in welchem Land der Welt wir interessierten Deutschen begegnen, alle eint die sofortige Frage „und die Schule?“.

Wenn wir heute berichten, dass wir damals eine Schulbefreiung bekommen haben, nimmt uns das niemand ab oder wir werden des Clickbaitings bezichtigt, um Clicks für diesen Blog zu generieren. „Hold your horses - nicht so schnell ihr Lieben“ Wir haben die Emails alle noch gefunden.

Und was ist mit Schule?

Die Antwort ist heute leicht und schnell gegeben. Homeschooling, Freilernen, Online-Schooling. Was in Deutschland nahezu undenkbar ist, dass ist in vielen anderen Ländern längst im Alltag angekommen. Als Kind habe ich einmal eine Reportage gesehen, wie Kinder in Australien im Outback per Funk unterrichtet werden. Schulmaterialien werden mit der Cessna eingeflogen und selbst in Deutschland soll es „Fernunterricht“ für einige Kindern auf Halligen gegeben haben. So hat es zumindest eine unserer damaligen Grundschullehrerin berichtet. Geprüft haben wir diese Aussage nie. Aus der Vernetzung heraus wissen wir, dass auch eine hohe Zahl an Freilernen innerhalb Deutschlands gibt.

Die erste Schulbefreiung

Aber zurück zum Anfang und zu unserer Schulbefreiung, die wir tatsächlich zwei mal erhalten haben (jeweils für ein Jahr). Wir machen einen Zeitsprung ins Jahr 2016. Die Familie Leichsenring, also wir, beschäftigt sich mit dem Gedanken ein Jahr Auszeit vom Berufsleben zu nehmen und dieses „Sabbatical“ als Weltreise zu nutzen. Den Kindern die Welt zeigen, gemeinsam fremde Kulturen erkunden und Erinnerungen fürs Leben zu schaffen. Jetzt, wo nur zwei von drei Kindern schulpflichtig sind, ist eigentlich das perfekte Zeitfenster. Unser ältester war 8 Jahre und im Begriff von der 2. Grundschulklasse in die 3. Klasse zu wechseln. Unsere älteste Tochter war gerade in der 1. Klasse und sollte durch die Reise das zweite Schuljahr verpassen. Unsere jüngste Tochter war zum Zeitpunkt der Reiseplanung noch nicht schulpflichtig.

Schulbefreiung der Antrag Familie auf Weltreise 2

Kein Widerstand für eine Schulbefreiung

Uns war bewusst, dass wir den Antrag an die Schulbehörde frühzeitig vor der Abreise stellen mussten. Behördliche Vorgänge sind bekanntlich nicht die schnellsten und es galt auch vorher ein Strategie zu überlegen, wie wir eine Befreiung tatsächlich erwirken können. Am sinnvollsten erschien uns  dabei die Unterstützung der Schule, genau genommen der Rektorin und der Klassenlehrerin, hinter uns zu wissen. Die Gedankenspiele hielten uns viele Nächte wach. „Was, wenn sich alle gegen uns stellen?“ oder „da kommt doch sicher etwas mit Neid oder Gleichberechtigung auf“ so unsere nächtlichen Gedankenspiele. Doch weit gefehlt. Unsere Rektorin stand dem ganzen offen gegenüber. Wir möchten noch einmal kurz darauf hinweisen, dass 2015 vor der Pandemie war und die heute oft zu spürende Verhärtung zwischen Eltern gegen das System Schule nicht existierte.

Die Rektorin war eine Befürworterin, weil Kinder auch unterwegs lernen, wir Sprachkurse einplanten und die Kinder bei einer Freundin in Nepal zwei Monate an einer Schule dabei sein sollten. Wenn wir nach einem Jahr wiederkommen, dann schauen wir, wo die Kinder stehen und eventuell wiederholen sie einfach. Die beiden Klassenlehrerinnen der Kinder waren ebenfalls nicht abgeneigt. Einen solchen Antrag freigegeben, bzw bei der Schulbehörde gestellt hatten sie aber alle noch nie zuvor. Die Rektorin wollte die Entscheidung (obwohl sie es damals gedurft hätte) nicht allein entscheiden und sicherte ihre Unterstützung zu.

Der Joker aus dem Schulamt?

Gibt es überhaupt eine befristete Schulbefreiung? „Na klar“ sagte eine Kundin von Katrin und erwähnte noch nebenbei, dass ihr Vater in der Schulbehörde gearbeitet hat und immer wieder Freistellungen genehmigt hat. Er ist zwar jetzt in Pension aber sie könne gerne mal nachfragen, worauf es beim Antrag ankommt. Am Ende haben wir uns darauf geeinigt den Antrag zu formulieren, dem pensionierten Herrn Papa zur „Verfeinerung“ vorzulegen und am Ende unterschrieben von der Rektorin unserer Schule an die für uns zuständige Schulbehörde zu schicken.

Und es gab einiges an Korrekturen im Antrag auf die Schulbefreiung

Den wohl größten Formulierungsfehler haben wir in unserer un-verfeinerten Version darin begangen, dass wir der Meinung waren „Reisen bildet auch“. Nach 8 Reisejahren können wir das wirklich bestätigen, aber ein hierarchisches Beamtensystem diesen Ausmaßes mag selbstverständlich nichts anderes hören, als dass sie Schulpflicht die beste Empfindung seit der Entdeckung der Schwerkraft sei. Also wurde diese Passage in einen Paragraphen voller Demut und Huldigung des Schulsystems verfeinert. Arschkriechen quasi - wir übertreiben gerade ein wenig um ehrlich zu sein. Aber aus der emotionalen Haltung „diese blöde Schulpflicht steht unserem Ego Ziel entgegen“ wurde in der Formulierung ein „wir wertschätzen das System und wenn die Kinder wiederholen müssen oder unterwegs beschult werden sollen, werden wir das selbstredend akzeptieren“

Dazu gab es eine Einschätzung der Lehrerinnen für die beiden Kinder, die der Schulbehörde freundlich mitgeteilt hat, dass unsere Kinder keine „Problemkinder“ sind und man nach dem einen Jahr durchaus ihnen zumuten kann, normal wieder in den Klassenverbund einzusteigen.

Wie die Domino Steine

Während wir diese Zeilen hier tippen, wird uns nochmals bewusst, wie viele Domino Steine in der richtigen Reihenfolge in die richtige Richtung für uns umgefallen sind. Unsere eigene klare Haltung „wir werden reisen“ war dabei sicherlich genauso ausschlaggebend, wie eine gehörige Portion Glück an die richtigen Personen zu geraten. Im Notfall hätten wir uns einfach abgemeldet und wären somit dem Wirken der Schulpflicht zu entkommen.  So weit musste es nicht kommen. Aber warten mussten wir dennoch endlos lang. Alle anderen Vorbereitungen für die Reise waren nahezu erledigt, nur die Schulbehörde war wie vom Erdboden verschluckt. Niemand zu erreichen. Wie oft sollte man nachfragen? Telefonisch? per Email? Wir hatten keine Ahnung. Nach Wochen dann hatten wir telefonisch Erfolg. Ein Mann antwortete kurz und knapp: „Der Kollege ist seit Monaten krankgeschrieben. Ich schaue mir das mal eben an. Moment. Ah, ok, gut, ja, dass kann man machen. Kein Problem, ich benötige per Email bitte noch den genauen Zeitraum und dann bestätige ich es per email und später postalisch“

Als wir auflegten, war uns nicht ganz klar, ob es das schon war. Die Antwort ist einfach „Ja“. Personalmangel in der Behörde hat die Antwort knapp drei Monate verzögert und wäre ohne unser Nachsetzen wohl bis heute noch nicht entschieden. Spaß beiseite. Die Email kam wie versprochen und nach kurzer Zeit kam auch das Schreiben mit der Post. Der Reise stand nichts merh im Wege.

Die zeitliche Einordnung der Schulbefreiung

Wichtig zu verstehen im Kontext ist das Jahr unseres Antrages.

2016 war die Flüchtingswelle aus dem bürgerkriegs-geplagten Syrien im vollen Gange. Mit der hohen Anzahl an syrischen Familien, wuchs der Druck auf die Schulbehörden, den Kindern einen Schulplatz anzubieten, um möglichst schnell eine Integration zu ermöglichen. Gar nicht so leicht, wenn das System so überrannt wird. In genau diesen Zeitraum fiel unser Antrag. Zwei freie Schulplätze bedeutete für die Behörde, zwei Flüchtlingskindern eine Perspektive zu geben. Und war wir keine renitenten Schulgegner mit Problemkindern hatten, fiel es der Behörde offensichtlich leicht den Antrag zu bewilligen.

Andere Schicksale waren weniger erfolgreich

Während der ersten Reisejahre, 2016 bis 2020, haben wir unzählige deutsche Familien kennengelernt, deren Versuch auf eine Schulbefreiung oft schon an den Lehrern und dem Direktor scheiterten. Neid und Missgunst vorne weg. Gefrei dem Motto, wenn ich es nicht kann, dann sollt ihr es auch nicht können. Solche Formulierungen sind uns öfter vorgetragen wurden. Bei uns neigte sich das erste Reisejahr dem Ende zu und wir hatten mittlerweile die feste Vorstellung, wie unser zukünftiges Leben aussehen sollte. Wir wollten weiter die Welt erkunden und fragten einfach per Email nach. Erst bei der Schule, dann bei der Schulbehörde. (siehe Bild)

Die heutige Situation

Wir sind nach dem zweiten Reisejahr ins Ausland verzogen und die Kinder waren damit nicht mehr in der deutschen Schulpflicht. Die Kinder haben während der Reise immer online Angebote genutzt, haben sich mehr oder weniger freiwillig mit uns Eltern und Lernmaterialien auseinandergesetzt. Diese haben uns engagierte Lehrer-Follower zugesendet, die unser „Projekt“ spannend und inspirierend fanden. Selbstredend gab es in der Mehrzahl Gegenwind. Damit zu leben, lernten wir Auszuhalten. Mit der Pandemie lernte auch das Schulsystem, dass es noch andere Wege geben muss, als in einem Schulgebäude anwesend zu sein. Wir haben in den letzten Jahren bei Reisestationen in Australien und Zypern die Kinder in englischsprachigen internationalen Schulen angemeldet, teilweise auf Privatlehrer zurückgegriffen und auch immer stark darauf vertraut, dass unsere Kinder lernen wollen.

Zwischen-Fazit:

Die „schulische Reise“ ist noch nicht ganz abgeschlossen. Aber nach mehreren Jahren können wir folgende Erkenntnise teilen:

Ja unsere Kinder können Lesen, Schreiben und Rechnen.

Ja, es gibt Wissenslücken in Hinsicht auf den klassischen Lernplan. Kurvendiskussion haben wir durch für uns relevantere Themen ausgetauscht (Finanzwissen / Unternehmertum / Mindset)

Ja, Kinder brauchen andere Kinder und Nein, es braucht die Schule dafür nicht aber engagierte Eltern

Nein, die Schule ist nicht der einzige Ort, um Wissen vermittelt zu bekommen

Ja, es braucht Kraft und eine Eigenverantwortung und die Kinder sind nicht jeden Tag motiviert Arbeitsbögen auszufüllen oder Museen zu besuchen

Ja, für manche Familien ist es besser, wenn die Schulbehörde keine Befreiung erteilt

Wir haben durch unsere Reise so viele Eindrücke gewonnen und verstanden, dass wir es sowieso niemanden Recht machen können. Dann machen wir es doch zumindest uns selbst Recht.

Und für alle die danach gesucht haben: Hier der Text unseres damaligen Antrages (die Namen / Ansprechpartner und die Schule haben wir selbstverständlich unkenntlich gemacht)

Der Text unseres damligen Antrages für die Schulbefreiung

Sehr geehrter Herr abc,

Frau Rektorin von der Grundschule Musterschule in Musterstadt ist bereits mit Ihnen im schriftlichen und telefonischen Kontakt, bezüglich einer einjährigen Schulbefreiung für unsere Kinder Julien und Marie Leichsenring.

Wie von Frau Rektorin bereits erläutert, beabsichtigen wir im Kalenderjahr 2017 eine berufliche Auszeit zu nehmen. Ein Sabbatjahr seitens des Arbeitgebers für 2017 ist bereits genehmigt.

Nach sehr positiven Gesprächen mit Frau Rektorin und den Lehrern unserer Kinder, sind wir der Überzeugung, dass Julien und Marie eine einjährige Auszeit sowohl schulisch als auch sozial bewerkstelligen werden. Sollte eine Wiederholung des "verpassten" Schuljahres angeraten werden, so würden wir dem auch entsprechen. In Gesprächen mit den Lehrern kam auch die Möglichkeit zur Sprache an Fernunterricht mittels Videokonferenzen teilzunehmen und Unterrichtsmaterial mit auf die Reise zu nehmen.

Wir möchten ausdrücklich betonen und versichern, dass die Reise vor allen dem Bildungszwecke dient und es uns hier nicht um eine Urlaubsreise geht. Es sind von uns längere Aufenthalte in Asien und Südamerika geplant. Während unseres 2-monatigen Aufenthaltes in Katmandu, Nepal nehmen beide Kinder an einer regionalen Schule am Unterricht teil. In Cordoba, Argentinien werden sie zudem an einem Spanischkurs für Kinder teilnehmen. Unser Hauptanliegen besteht darin, die Welt und andere Kulturen zu entdecken und in diesem Zusammenhang, die Neugier, Weltoffenheit und das Interesse für Fremdsprachen unseren Kindern zu vermitteln.

Wir würden uns freuen in dieser Angelegenheit eine positive Rückmeldung von Ihnen zu erhalten und verbleiben zwischenzeitlich mit den besten Grüßen aus Musterstadt